Jürgen klingelt in den Straßen dieser Stadt

Jürgen kam stolz mit seinem vollbepacktem Rad um die Ecke, als ihm auffiel, wie ich eine Kamera in meinen Händen hielt. Der Mossad oder die Bundesregierung sollen ihn so nicht sehen, nicht hier, nicht irgendwo. Jürgen duckte sich spielerisch unter der Kamera hindurch. Er sei gerne „unter dem Radar“ unterwegs, möchte nämlich nicht auf die Titelseite der Bildzeitung, einige Verbrecherkartei stelle diese Zeitung dar. Aber ich solle ihn dann doch gerne ablichten. Jürgen überfuhr mich nahezu mit Offenheit und gesunder, aggressiver Eloquenz. Er müsse eben sein Rad parken, das Gepäck sichern und eben noch die Aktien überprüfen. Ich wusste nicht was er mit den Aktien meinte. Er präsentierte mir sein Fahrrad, mit den großen Satteltaschen, randvoll, jedoch sauber verschlossen. Geschenke sammle er, überall sei etwas zu finden. Was hier ein jemand nicht mehr bräuchte, sei möglich das Wertvollste für einen anderen Geist. Juergen Bis jetzt hatte noch kein Wort meine Lippen verlassen. Er war der Jürgen und mein Name war nur eine vorgegebene Bezeichnung jener Seele, die er an diesem frühen Abend getroffen hatte. Jürgen zeigte mir seinen neuen gelben Regenschirm. An einer Hauswand hätte dieser einsam gelehnt, kein Besitzer weit und breit. Dabei sei dieser noch einwandfrei, gut in Schuss. Der Regen komme ja doch immer wieder und dann wird er ihn selbstverständlich gebrauchen können, vielleicht auch nur um dieses Prachtexemplar einem hübschen Mädchen, dem Regen schutzlos ausgeliefert, eine Freude zu machen. In seinen Worten erwischte ich den Hauch von Romantik. Ihm selbst mache der Regen nichts aus. Wasser sei natürlich, biologisch. So auch das Bier in seiner Hand. Jürgen bückte sich nach einem Fetzen Papier, offensichtlich der dem Überrest eines aus Frust zerrissenen Strafzettels. Er brauche jetzt nur noch einen Stift, murmelte er suchend und kramte in seinen Taschen. Er fand einen Kugelschreiber der Frankfurter Polizei. Auf diesem Stand mit weißer Schrift auf blauem Kunststoff: „Die Polizei Frankfurt am Main ist schneller als die Feuerwehr!“ Jürgen fand dies komisch und versteckte seinen kindlichen Humor hinter einem Räuspern. Ob ich denn nicht endlich mal ein Bild von ihm machen wolle, murrte er durch seinen grauen Bart. Er sei doch eine Schönheit, mit Schirm, Charme und ohne Melone. Ich rückte die Blende meiner Kamera zurecht, überprüfte Belichtungszeit und Schärfe, wollte keine Zeit verlieren und drückte ab. Ein bis zwei schöne Bilder kamen dabei raus. Dies bestätigte Jürgen mit einem Auge, nickend, seine Adresse auf den Zettel schreibend. Er als Musiker spiele alle Instrumente, auch Schlagzeug. Erneuter Themenwechsel. Als Schlagzeuger sei man kein Musiker, da ist man eben Schlagzeuger. Der altbekannte Witz wurde durch den Bart des Herrn zu meiner Verwunderung wirklich besser. Er beschrieb den Zettel hastig, jedoch ordentlich. Seine Adresse, seine Telefonnummer und die Website der Tochter. Diese sei gerade mit ihrem Freund von Neuseeland mit dem Motorrad unterwegs und werde in ungefähr fünf Monaten in Frankfurt aufschlagen. Niemand geringeres als der Boss von UNICEF bezahle diese Tour. Verdammt sei dies doch, fluchte er, nix zu fressen hätten die jungen Dinger im Bahnhofsviertel. Aber Geld für den Sprit einer Weltumrundung hätten diese Weltverbesserer. Diese Prioritäten seien schlecht. Jürgen malte mir meinen Namen auf den Zettel und händigte mir das Autogramm bedächtig aus. Ich solle aufpassen, auf mich, diese Stadt, auf die Welt und meine Meinung. Er habe das Leben das er brauche. Ein Rad mit zwei gesunden Reifen, einen neuen gelben Schirm, eine „fancy“ Sonnenbrille und ab Freitag auch eine kleine Katze. Nur das Katzenzubehör mache ihm zu schaffen. Er deutete auf einen Berg aus Holz und Nägeln, Kisten und Folie. Ich studierte den Haufen genauer und erkannte einen alten Kratzbaum, schon ganz blank gewetzt und einen kleinen Futternapf. Wie solle er diese Dinge nur in seine siebzig Quadratmeter bekommen, fluchte er, lachte aber zugleich und lenkte das Thema auf seine Exfrau. Diese alte Ziege hatte ihn vor einigen Jahren aus dem Haus gejagt und schmiss ihm seine Schlappen hinterher. Einer traf ihn am Kopf, der Zweite verfehlte nur knapp wichtige Organe. Zehn Tage hatte anschließend geweint, wusste nicht warum er hat gehen müssen. Seit zehn Jahren freue er sich aber über seine geschenkte Freiheit. Und wann immer er heute an der alten Wohnung vorbeiradle klingle er laut. Durch das Klingeln habe er sich nun konditioniert. Lärm vertreibe die schlechten Gedanken, Ängste und Hoffnungslosigkeit. Ob ich jemals bei übertriebener Geräuschkulisse geweint hätte? Oder ob mich Stille traurig stimmte? Ich wollte antworten, kam aber nicht dazu. Er schaute auf den Boden, auf den Boden seines Bieres und kniff dabei ein Auge zu. Die Konditionierung sei der Schlüssel seiner Glückseligkeit. Wenn auch immer er die Freiheit nicht mehr schätzte, die Stille schmerze, klingle er sich durch die Straßen dieser Stadt und fühle Freiheit. Mit jedem Ton der alten Klingel fielen ihm tausend große Steine vom Herzen. Ohne Last radle es sich leichter, schlussfolgerte Jürgen.   Ob ich ein Auto hätte? Eines mit großem Kofferraum? Jürgen wechselte schnell die Themen. Jemand müsse die Möbel seiner neuen Katze dreihundert Meter die Straße hinauf verschieben. Am besten wäre ein Transporter. Ich besitze weder Transporter noch Ladevolumen, bot aber meine Hände an. Die Hände seien ihm zu fein. Er könne nicht verantworten diese Finger zu belasten. Er drehte sich ruckartig um und zog einen Beutel mit Kleingeld aus einem noch größeren Beutel. Ein „RöPi“ sollte für den Weg genügend, zwinkerte lächelnd in meine Richtung und gab sich großzügig als er sein Pfandgeld der Besitzerin der Trinkhalle schenkte. Er müsse los, ich wohl auch. Wir hätte beide noch was vor, nur nicht das Gleiche. Aber er begleite mich noch ein Stück auf dem Rad. Ich packte die Kamera in den Rucksack, verstaute den Zettel mit Jürgens Adresse sicher in meiner Hemdtasche und sattelte auf. Ich knipste mein Licht am Rad an. Es war schummrig geworden. Suchend nach meiner Reisebegleitung umherblickend stellte ich fest, dass dieser alte Musiker mit dem Regenschirm und der coolen Sonnenbrille bereits hundert Meter vor mir war und laut johlend zu Verstehen gab, dass ich der langsamste Junge wäre, den er in den letzten Stunden getroffen hätte. Er sang ein Lied. Ich kannte die Worte, nicht aber die Melodie. So schaltete ich in den schnellen Gang und holte ihn nach ein paar Sekunden ein. Jürgen, in einer „Rennposition“ verharrend (Kopf über dem Lenker, Rücken gerade, Beine fast gestreckt), rollte mit einem kalten, überzeugenden Blick in Richtung Osten. Ich blickte zu ihm und verabschiedete mich mit einem Handschlag. Er griff zu, ließ mich kaum los, blickte jedoch nur nach Vorne. Ich solle es gut machen, besser als die anderen Menschen, aber nicht so gut wie er. Das ginge nämlich nicht. Aber jetzt müsse er sich beeilen, denn er wolle vor Dezember seine Tochter und ihren Freund bei Kiew überraschen. Er raunzte juchzend einen Satz in seinen Bart und trat in die Pedale. „Tschau Jürgen, gute Reise“ verabschiedete ich mich. Er hob kurz die Hand, wurde schneller und bog in eine dunkle Seitenstraße ab.   So schnell er gekommen war, so schnell verschwand Jürgen in den Straßen. Nur sein Klingeln hörte ich noch eine Weile. Irgendwann verschluckte mich die Stadt.    
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