Der Lottogewinner

Er stellte sich mir als Veith Lörrach vor. Seine Freunde nannten ihn Socke, die Familie nur Paule. Welchen Namen die Hebamme zu seiner Geburt vor siebenundfünfzig Jahren in die Urkunde eingetragen hatte ist ungewiss. Selbst in Stunden der völligen Zerstreuung wedelte er nie mit seinem Reisepass oder Personalausweis um sich. Vermutlich trug er die Dokumente nicht am Mann.

 

Seine Jacke trug er mit Stolz.

Aus der Gründerzeit der deutschen Bundesrepublik stammte dieser lässige Überzieher aus Lammleder und wurde offensichtlich die letzten Jahre gut behandelt. Ölig, speckig schimmerte die Jacke im Abendlicht. Gelegentlich, wenn die Sonne richtig stand, blendete Veith mit der spiegelnden Lederhaut die Autofahrer auf der vor dem Wasserhäuschen verlaufenden breiten Verkehrsader. Er sah den Lenkern anschließend müde lächelnd zu wie diese ihre hochpreisigen Vehikel völlig blind auf den vier Spuren manövrieren mussten. Die offensichtlich verwerfliche Absicht einen Fahrer in einen Blechschaden verwickeln zu wollen gab er nie zu.

Veith stand werktags verlässlich am Wasserhäuschen Nummer neunundvierzig und grüßte stumm doch selbstverständlich wenn ich abendlich parkplatzsuchend ums Viereck fuhr. Nach anfänglicher Reserviertheit wurde er für mich zu einer Institution.

Durch Veith wusste ich, dass ich im richtigen Viertel einen Stellplatz suchte. Er nickte mir zu, also war ich richtig. Fast als wolle er mir sagen, dass ich angekommen war und nur noch eben eine ruhige Ecke finden musste. Veith war somit mein Fixpunkt im Herzen der Stadt, gab mir das Gefühl anzukommen und das, obwohl ich niemals die Leinen an der Landungsbrücke Wasserhäuschen Nummer siebenundvierzig auswarf.

 

Über die Wochen festigte sich unsere tiefe Verbindung weiter. Ich empfand ein schmerzendes Herzrasen in meiner Brust wenn Veith nicht zu mir sah, wenn er abgeschlagen in der Ecke saß oder einfach nicht an seiner Stammecke des kleinen Tresens lehnte. Jede kleine Veränderung bereitete mir große Sorgen.

Ich grübelte, ob eines der konsumierten Getränke beim Besuch des Wasserhäuschens ihm nicht bekommen hatte. Oder ob seine Werbeagentur einen großen auftrag nicht bekommen hatte. War eines sein „Start-Ups“von einer unabhängigen Ratingagentur nicht ordnungsgemäß mit AAA (sprich: trippel Äi) bewertet worden? Keine Chance bei Anerkennung des Aufbaustudiengangs Soziologie nach dem Taxivordiplom?

 

Doch irgendwie wusste ich nach einigen Tagen ganz sicher, dass die Lottofee beim ihm angerufen hatte und ihm den Hauptgewinn verschaffte hatte den er sich schon so lang wünschte. Immerhin spielte er immer sechs aus neunundvierzig. Mittwoch und Samstag.

 

An einem Dienstag ging ich seitlich an das Wasserhäuschen. Verhielt mich unauffällig. Bestellte eine Schachtel „Reval ohne Filter“, zwanzig „saure Zungen“ und zwei Flaschen Kirschcola. Ich hatte noch zwei Euro in der Innentasche und rubbelte gegen Bezahlung noch zwei Lose auf. Die „heiße Sieben“ war eine Niete. Der „Glückgriff“ ebenfalls.

 

Während meiner Interaktionen mit dem Wasserbudenbesitzer und den Losen, beobachtete ich Veith. Seinen Habitus, das nervöse Zucken, die glitzernde Jacke, welche noch spiegelnder schien als sonst und studierte seine Worte, seine Gesichtszüge.

Um mir nichts anmerken zu lassen, verabschiedete ich mich nach den Rubbellosen und der Schachtel Reval höflich und ging ums Eck meine Wohnung.

Zwanzig saure Zungen und eine Flasche Kirschcola später ging ich erneut das eine Stockwerk meines Miethauses hinunter.

 

Ich hatte Angst vor der Tatsache, dass meinem Veith die Last einer Entscheidung auferlegt wurde, welche er nicht hätte tragen können. War ich jedoch ehrlich zu mir, fürchtete ich mich mehr vor Veränderungen. Was nur, wenn Veith mehrere Millionen Euro auf dem Konto hatte und nächste Woche eine Fluglinie kaufen würde, sich absetzte. Der Flieger gewönne an Höhe, Veith an Abenteuer und Freiheit, ich verlöre den Boden unter den Füßen. Ein Fixstern dürfe nie ziehen, ein Leuchtturm nie untergehen und ein Wasserhäuschen sich nie ändern.

 

Mit schwerem Schritt, jedoch bestimmt, ging ich Veith entgegen. Er lehnte entspannt, jedoch gewohnt zitternd am kleinen Fensterbrett. Aus dem Augenwinkel sah er mich deutlich, schaute jedoch auf den Boden vor seinen Füßen. Er zählte die Fugen zwischen den Pflastersteinen auf dem Bürgersteig.

Angekommen am gegenüberliegenden Ende des Tresens / der Fensterbank, räusperte ich mich so ungeschickt, als dass jeder Besucher des Wasserhäuschens zu mir aufsah. Nur Veith zählte fleißig weiter Fugen, gab vor die Weltformel im Pflaster zu erkennen.

 

Ich lies Ruhe einkehren und versuchte entspannt zu atmen. Verdammt, war mir dies unangenehm. Ich bestellte dreißig saure Zungen und eine Schachtel Reval ohne Filter. Ich bezahlte mit einem großen Geldschein die Ware und kaufte mir vom gesamten Restgeld Lose. Achtundzwanzig Nieten. Zwei kleine und ein großer Gewinn entschädigten mich allerdings. Ich gewann drei Euro und packte mir diese für schlechte Zeiten in die Innentasche meiner Joppe, unter den Saum.

 

„Veith, du Bastard“, dachte ich. Er hätte mir längst sagen können, dass er den großen Wurf gelandet hatte, auf einem Topf voll Gold säße und sich alsbald auf den Weg machen würde. Stattdessen schwieg er, lächelte wie immer leicht gequält, wenn seine Lederjacke spiegelte und trank seine Apfelsaftschorle.

Ich hatte eine solche Angst, dass er bald den Heimweg anträte und ich folglich erkennen würde, dass er für mich der Anker gewesen war, ich ihm aber nie so viel bedeutet hatte.

 

Mein Kopf spielte verrückt. Ich sah vor meinem inneren Auge den ollen Veith in seiner Lederjacke bei achtunddreißiggrad im Schatten auf einer Liege in der Karibik liegen. Dort tränke er nur aus rasierten Kokosnüssen und ließ sich geschälten Apfelschnitz reichen. Auf dem Sandstrand vor ihm kämpften Faultiere bis zum Sonnenuntergang und schliefen dann schmusend ein. Veith seufzte in meiner malerischen Fantasie schwer, als die Sonne das Meer träfe und ließe sich dann von einer Meerjungfrau eine Ansichtskarte an die Kollegen vom Wasserhäuschen Nummer 49 mit den Worten „Haut rein! Mir geht’s gut“ verfassen.

 

Während mein Kopf durch Zeit und Gedanken reiste, beglich mein lieber Veith seinen Deckel indem er wohl eine Rolle Scheine auf den Tresen gelegt hatte. Keiner hatte es bemerkt. Nicht einmal ich. Ich war zu beschäftigt die Zukunft mit allen Konsequenzen zu durchdenken.

 

Ich ging nach weiteren dreißig sauren Zungen, gezahlt mit dem Notgroschen aus meinem Joppensaum, die fünf Schritte zu meiner Tür. Dort zündete ich mir meine letzte Reval (ohne Filter) auf der Schwelle an. Es brannte höllisch in meiner Lunge. Ich pustete den schweren Rauch gen Himmel und blickte in die Nacht. Die Fixsterne versteckten sich im Licht der Stadt oder des Qualms.

 

Ich rauchte eine zweite letzte Zigarette und anschließend eine Dritte. Das Brennen in der Lunge bekam Gewohnheit.

 

Es wurde spät und ich stieg die dreiundzwanzig Stufen zu meinem Bett empor. Wusch mich mäßig, legte mich rücklings lustlos in die Kissen, nahm die Hände hinter den Kopf und schloss die Augen. Erneut murmelte ich „Veith, du Arsch“. Dann schlief ich ein. Träumte nichts.

 

Am nächsten Morgen stieg ich müde in meinen Wagen, dennoch angespannt. Die unausweichliche Situation, dass ich am Abend in meine Straße biegen würde und nicht wisse ob ich richtig sei, lag schwer zwischen all den Synapsen. Im Büro vergas ich anschließend den Kerl mit der spiegelten Lederjacke und erledigte meine Aufgaben zu meiner Zufriedenheit und darüber hinaus. Erst als ich den Blinker zu meiner Straße setzte musste ich grübeln und suchte weniger nach einem Stellplatz als mehr nach einem Zeichen, dass ich richtig war.

Dreimal fuhr ich um den Block und manövrierte ungeschickt in eine freie Parkbucht. Das Auto stand schief, aber es stand.

 

Als ich zu Fuß endlich meine Straße erreichte, sah ich Veith auf meiner Schwelle sitzen. Sein Kopf stützte sich auf seinen Knien, seine Arme umklammerten die Beine, eine Hand hielt eine Apfelsaftschorle. Je näher ich kam, desto lauter hörte ich ihn schwer atmen. Er blickte nicht auf, als ich mich neben ihm niederlies. Kurz stockte sein Atem, dann der meine. Mit rund einem halben Meter Abstand saßen wir ein paar Stunden auf der kleinen Stufe vor meiner Wohnungstür, schauten abwechselnd in den erleuchteten Himmel, rauchten unsere letzten Zigaretten. Es wurde spät.

 

Ich stand in den Morgenstunden auf, schüttelte meine eingeschlafenen Beine, kramte meinen Schlüssel aus meiner Tasche und drehte mich in Richtung der Tür. Ich wollte den Schlüssel drehen, als Veith den ersten Satz in meiner Gegenwart sprach.

Ich hörte zu. Er blickte kurz auf, ich nickte ihm zu. Dann schloss ich auf und hörte die Tür zufallen. Ich legte mich auf mein Bett, schloss die Augen. Ich schlief schnell. Ich träumte nicht.

 

„Danke. Ich brauchte dich als meinen Fixpunkt im Leben. Jetzt ist es allerdings an der Zeit, dass du weiterziehst. Du bist dein eigener Stern, dein eigener Leuchtturm, das weiß ich. Geh jetzt heim! Du brauchst nicht mich, du brauchst dich!“, sagte einer von uns.

 

Er stellte sich mir als Veith Lörrach vor. Seine Freunde nannten ihn Socke, die Familie nur Paule. Welchen Namen die Hebamme zu seiner Geburt vor siebenundfünfzig Jahren in die Urkunde eingetragen hatte ist ungewiss. Selbst in Stunden der völligen Zerstreuung wedelte er nie mit seinem Reisepass oder Personalausweis um sich. Vermutlich trug er die Dokumente nicht am Mann.

 

Seine Jacke trug er mit Stolz.

Aus der Gründerzeit der deutschen Bundesrepublik stammte dieser lässige Überzieher aus Lammleder und wurde offensichtlich die letzten Jahre gut behandelt. Ölig, speckig schimmerte die Jacke im Abendlicht. Gelegentlich, wenn die Sonne richtig stand, blendete Veith mit der spiegelnden Lederhaut die Autofahrer auf der vor dem Wasserhäuschen verlaufenden breiten Verkehrsader. Er sah den Lenkern anschließend müde lächelnd zu wie diese ihre hochpreisigen Vehikel völlig blind auf den vier Spuren manövrieren mussten. Die offensichtlich verwerfliche Absicht einen Fahrer in einen Blechschaden verwickeln zu wollen gab er nie zu.

Veith stand werktags verlässlich am Wasserhäuschen Nummer neunundvierzig und grüßte stumm doch selbstverständlich wenn ich abendlich parkplatzsuchend ums Viereck fuhr. Nach anfänglicher Reserviertheit wurde er für mich zu einer Institution.

Durch Veith wusste ich, dass ich im richtigen Viertel einen Stellplatz suchte. Er nickte mir zu, also war ich richtig. Fast als wolle er mir sagen, dass ich angekommen war und nur noch eben eine ruhige Ecke finden musste. Veith war somit mein Fixpunkt im Herzen der Stadt, gab mir das Gefühl anzukommen und das, obwohl ich niemals die Leinen an der Landungsbrücke Wasserhäuschen Nummer siebenundvierzig auswarf.

 

Über die Wochen festigte sich unsere tiefe Verbindung weiter. Ich empfand ein schmerzendes Herzrasen in meiner Brust wenn Veith nicht zu mir sah, wenn er abgeschlagen in der Ecke saß oder einfach nicht an seiner Stammecke des kleinen Tresens lehnte. Jede kleine Veränderung bereitete mir große Sorgen.

Ich grübelte, ob eines der konsumierten Getränke beim Besuch des Wasserhäuschens ihm nicht bekommen hatte. Oder ob seine Werbeagentur einen großen auftrag nicht bekommen hatte. War eines sein „Start-Ups“von einer unabhängigen Ratingagentur nicht ordnungsgemäß mit AAA (sprich: trippel Äi) bewertet worden? Keine Chance bei Anerkennung des Aufbaustudiengangs Soziologie nach dem Taxivordiplom?

 

Doch irgendwie wusste ich nach einigen Tagen ganz sicher, dass die Lottofee beim ihm angerufen hatte und ihm den Hauptgewinn verschaffte hatte den er sich schon so lang wünschte. Immerhin spielte er immer sechs aus neunundvierzig. Mittwoch und Samstag.

 

An einem Dienstag ging ich seitlich an das Wasserhäuschen. Verhielt mich unauffällig. Bestellte eine Schachtel „Reval ohne Filter“, zwanzig „saure Zungen“ und zwei Flaschen Kirschcola. Ich hatte noch zwei Euro in der Innentasche und rubbelte gegen Bezahlung noch zwei Lose auf. Die „heiße Sieben“ war eine Niete. Der „Glückgriff“ ebenfalls.

 

Während meiner Interaktionen mit dem Wasserbudenbesitzer und den Losen, beobachtete ich Veith. Seinen Habitus, das nervöse Zucken, die glitzernde Jacke, welche noch spiegelnder schien als sonst und studierte seine Worte, seine Gesichtszüge.

Um mir nichts anmerken zu lassen, verabschiedete ich mich nach den Rubbellosen und der Schachtel Reval höflich und ging ums Eck meine Wohnung.

Zwanzig saure Zungen und eine Flasche Kirschcola später ging ich erneut das eine Stockwerk meines Miethauses hinunter.

 

Ich hatte Angst vor der Tatsache, dass meinem Veith die Last einer Entscheidung auferlegt wurde, welche er nicht hätte tragen können. War ich jedoch ehrlich zu mir, fürchtete ich mich mehr vor Veränderungen. Was nur, wenn Veith mehrere Millionen Euro auf dem Konto hatte und nächste Woche eine Fluglinie kaufen würde, sich absetzte. Der Flieger gewönne an Höhe, Veith an Abenteuer und Freiheit, ich verlöre den Boden unter den Füßen. Ein Fixstern dürfe nie ziehen, ein Leuchtturm nie untergehen und ein Wasserhäuschen sich nie ändern.

 

Mit schwerem Schritt, jedoch bestimmt, ging ich Veith entgegen. Er lehnte entspannt, jedoch gewohnt zitternd am kleinen Fensterbrett. Aus dem Augenwinkel sah er mich deutlich, schaute jedoch auf den Boden vor seinen Füßen. Er zählte die Fugen zwischen den Pflastersteinen auf dem Bürgersteig.

Angekommen am gegenüberliegenden Ende des Tresens / der Fensterbank, räusperte ich mich so ungeschickt, als dass jeder Besucher des Wasserhäuschens zu mir aufsah. Nur Veith zählte fleißig weiter Fugen, gab vor die Weltformel im Pflaster zu erkennen.

 

Ich lies Ruhe einkehren und versuchte entspannt zu atmen. Verdammt, war mir dies unangenehm. Ich bestellte dreißig saure Zungen und eine Schachtel Reval ohne Filter. Ich bezahlte mit einem großen Geldschein die Ware und kaufte mir vom gesamten Restgeld Lose. Achtundzwanzig Nieten. Zwei kleine und ein großer Gewinn entschädigten mich allerdings. Ich gewann drei Euro und packte mir diese für schlechte Zeiten in die Innentasche meiner Joppe, unter den Saum.

 

„Veith, du Bastard“, dachte ich. Er hätte mir längst sagen können, dass er den großen Wurf gelandet hatte, auf einem Topf voll Gold säße und sich alsbald auf den Weg machen würde. Stattdessen schwieg er, lächelte wie immer leicht gequält, wenn seine Lederjacke spiegelte und trank seine Apfelsaftschorle.

Ich hatte eine solche Angst, dass er bald den Heimweg anträte und ich folglich erkennen würde, dass er für mich der Anker gewesen war, ich ihm aber nie so viel bedeutet hatte.

 

Mein Kopf spielte verrückt. Ich sah vor meinem inneren Auge den ollen Veith in seiner Lederjacke bei achtunddreißiggrad im Schatten auf einer Liege in der Karibik liegen. Dort tränke er nur aus rasierten Kokosnüssen und ließ sich geschälten Apfelschnitz reichen. Auf dem Sandstrand vor ihm kämpften Faultiere bis zum Sonnenuntergang und schliefen dann schmusend ein. Veith seufzte in meiner malerischen Fantasie schwer, als die Sonne das Meer träfe und ließe sich dann von einer Meerjungfrau eine Ansichtskarte an die Kollegen vom Wasserhäuschen Nummer 49 mit den Worten „Haut rein! Mir geht’s gut“ verfassen.

 

Während mein Kopf durch Zeit und Gedanken reiste, beglich mein lieber Veith seinen Deckel indem er wohl eine Rolle Scheine auf den Tresen gelegt hatte. Keiner hatte es bemerkt. Nicht einmal ich. Ich war zu beschäftigt die Zukunft mit allen Konsequenzen zu durchdenken.

 

Ich ging nach weiteren dreißig sauren Zungen, gezahlt mit dem Notgroschen aus meinem Joppensaum, die fünf Schritte zu meiner Tür. Dort zündete ich mir meine letzte Reval (ohne Filter) auf der Schwelle an. Es brannte höllisch in meiner Lunge. Ich pustete den schweren Rauch gen Himmel und blickte in die Nacht. Die Fixsterne versteckten sich im Licht der Stadt oder des Qualms.

 

Ich rauchte eine zweite letzte Zigarette und anschließend eine Dritte. Das Brennen in der Lunge bekam Gewohnheit.

 

Es wurde spät und ich stieg die dreiundzwanzig Stufen zu meinem Bett empor. Wusch mich mäßig, legte mich rücklings lustlos in die Kissen, nahm die Hände hinter den Kopf und schloss die Augen. Erneut murmelte ich „Veith, du Arsch“. Dann schlief ich ein. Träumte nichts.

 

Am nächsten Morgen stieg ich müde in meinen Wagen, dennoch angespannt. Die unausweichliche Situation, dass ich am Abend in meine Straße biegen würde und nicht wisse ob ich richtig sei, lag schwer zwischen all den Synapsen. Im Büro vergas ich anschließend den Kerl mit der spiegelten Lederjacke und erledigte meine Aufgaben zu meiner Zufriedenheit und darüber hinaus. Erst als ich den Blinker zu meiner Straße setzte musste ich grübeln und suchte weniger nach einem Stellplatz als mehr nach einem Zeichen, dass ich richtig war.

Dreimal fuhr ich um den Block und manövrierte ungeschickt in eine freie Parkbucht. Das Auto stand schief, aber es stand.

 

Als ich zu Fuß endlich meine Straße erreichte, sah ich Veith auf meiner Schwelle sitzen. Sein Kopf stützte sich auf seinen Knien, seine Arme umklammerten die Beine, eine Hand hielt eine Apfelsaftschorle. Je näher ich kam, desto lauter hörte ich ihn schwer atmen. Er blickte nicht auf, als ich mich neben ihm niederlies. Kurz stockte sein Atem, dann der meine. Mit rund einem halben Meter Abstand saßen wir ein paar Stunden auf der kleinen Stufe vor meiner Wohnungstür, schauten abwechselnd in den erleuchteten Himmel, rauchten unsere letzten Zigaretten. Es wurde spät.

 

Ich stand in den Morgenstunden auf, schüttelte meine eingeschlafenen Beine, kramte meinen Schlüssel aus meiner Tasche und drehte mich in Richtung der Tür. Ich wollte den Schlüssel drehen, als Veith den ersten Satz in meiner Gegenwart sprach.

Ich hörte zu. Er blickte kurz auf, ich nickte ihm zu. Dann schloss ich auf und hörte die Tür zufallen. Ich legte mich auf mein Bett, schloss die Augen. Ich schlief schnell. Ich träumte nicht.

 

„Danke. Ich brauchte dich als meinen Fixpunkt im Leben. Jetzt ist es allerdings an der Zeit, dass du weiterziehst. Du bist dein eigener Stern, dein eigener Leuchtturm, das weiß ich. Geh jetzt heim! Du brauchst nicht mich, du brauchst dich!“, sagte einer von uns.