Der Lottogewinner

Er stellte sich mir als Veith Lörrach vor. Seine Freunde nannten ihn Socke, die Familie nur Paule. Welchen Namen die Hebamme zu seiner Geburt vor siebenundfünfzig Jahren in die Urkunde eingetragen hatte ist ungewiss. Selbst in Stunden der völligen Zerstreuung wedelte er nie mit seinem Reisepass oder Personalausweis um sich. Vermutlich trug er die Dokumente nicht am Mann.

 

Seine Jacke trug er mit Stolz.

Aus der Gründerzeit der deutschen Bundesrepublik stammte dieser lässige Überzieher aus Lammleder und wurde offensichtlich die letzten Jahre gut behandelt. Ölig, speckig schimmerte die Jacke im Abendlicht. Gelegentlich, wenn die Sonne richtig stand, blendete Veith mit der spiegelnden Lederhaut die Autofahrer auf der vor dem Wasserhäuschen verlaufenden breiten Verkehrsader. Er sah den Lenkern anschließend müde lächelnd zu wie diese ihre hochpreisigen Vehikel völlig blind auf den vier Spuren manövrieren mussten. Die offensichtlich verwerfliche Absicht einen Fahrer in einen Blechschaden verwickeln zu wollen gab er nie zu.

Veith stand werktags verlässlich am Wasserhäuschen Nummer neunundvierzig und grüßte stumm doch selbstverständlich wenn ich abendlich parkplatzsuchend ums Viereck fuhr. Nach anfänglicher Reserviertheit wurde er für mich zu einer Institution.

Durch Veith wusste ich, dass ich im richtigen Viertel einen Stellplatz suchte. Er nickte mir zu, also war ich richtig. Fast als wolle er mir sagen, dass ich angekommen war und nur noch eben eine ruhige Ecke finden musste. Veith war somit mein Fixpunkt im Herzen der Stadt, gab mir das Gefühl anzukommen und das, obwohl ich niemals die Leinen an der Landungsbrücke Wasserhäuschen Nummer siebenundvierzig auswarf.

 

Über die Wochen festigte sich unsere tiefe Verbindung weiter. Ich empfand ein schmerzendes Herzrasen in meiner Brust wenn Veith nicht zu mir sah, wenn er abgeschlagen in der Ecke saß oder einfach nicht an seiner Stammecke des kleinen Tresens lehnte. Jede kleine Veränderung bereitete mir große Sorgen.

Ich grübelte, ob eines der konsumierten Getränke beim Besuch des Wasserhäuschens ihm nicht bekommen hatte. Oder ob seine Werbeagentur einen großen auftrag nicht bekommen hatte. War eines sein „Start-Ups“von einer unabhängigen Ratingagentur nicht ordnungsgemäß mit AAA (sprich: trippel Äi) bewertet worden? Keine Chance bei Anerkennung des Aufbaustudiengangs Soziologie nach dem Taxivordiplom?

 

Doch irgendwie wusste ich nach einigen Tagen ganz sicher, dass die Lottofee beim ihm angerufen hatte und ihm den Hauptgewinn verschaffte hatte den er sich schon so lang wünschte. Immerhin spielte er immer sechs aus neunundvierzig. Mittwoch und Samstag.

 

An einem Dienstag ging ich seitlich an das Wasserhäuschen. Verhielt mich unauffällig. Bestellte eine Schachtel „Reval ohne Filter“, zwanzig „saure Zungen“ und zwei Flaschen Kirschcola. Ich hatte noch zwei Euro in der Innentasche und rubbelte gegen Bezahlung noch zwei Lose auf. Die „heiße Sieben“ war eine Niete. Der „Glückgriff“ ebenfalls.

 

Während meiner Interaktionen mit dem Wasserbudenbesitzer und den Losen, beobachtete ich Veith. Seinen Habitus, das nervöse Zucken, die glitzernde Jacke, welche noch spiegelnder schien als sonst und studierte seine Worte, seine Gesichtszüge.

Um mir nichts anmerken zu lassen, verabschiedete ich mich nach den Rubbellosen und der Schachtel Reval höflich und ging ums Eck meine Wohnung.

Zwanzig saure Zungen und eine Flasche Kirschcola später ging ich erneut das eine Stockwerk meines Miethauses hinunter.

 

Ich hatte Angst vor der Tatsache, dass meinem Veith die Last einer Entscheidung auferlegt wurde, welche er nicht hätte tragen können. War ich jedoch ehrlich zu mir, fürchtete ich mich mehr vor Veränderungen. Was nur, wenn Veith mehrere Millionen Euro auf dem Konto hatte und nächste Woche eine Fluglinie kaufen würde, sich absetzte. Der Flieger gewönne an Höhe, Veith an Abenteuer und Freiheit, ich verlöre den Boden unter den Füßen. Ein Fixstern dürfe nie ziehen, ein Leuchtturm nie untergehen und ein Wasserhäuschen sich nie ändern.

 

Mit schwerem Schritt, jedoch bestimmt, ging ich Veith entgegen. Er lehnte entspannt, jedoch gewohnt zitternd am kleinen Fensterbrett. Aus dem Augenwinkel sah er mich deutlich, schaute jedoch auf den Boden vor seinen Füßen. Er zählte die Fugen zwischen den Pflastersteinen auf dem Bürgersteig.

Angekommen am gegenüberliegenden Ende des Tresens / der Fensterbank, räusperte ich mich so ungeschickt, als dass jeder Besucher des Wasserhäuschens zu mir aufsah. Nur Veith zählte fleißig weiter Fugen, gab vor die Weltformel im Pflaster zu erkennen.

 

Ich lies Ruhe einkehren und versuchte entspannt zu atmen. Verdammt, war mir dies unangenehm. Ich bestellte dreißig saure Zungen und eine Schachtel Reval ohne Filter. Ich bezahlte mit einem großen Geldschein die Ware und kaufte mir vom gesamten Restgeld Lose. Achtundzwanzig Nieten. Zwei kleine und ein großer Gewinn entschädigten mich allerdings. Ich gewann drei Euro und packte mir diese für schlechte Zeiten in die Innentasche meiner Joppe, unter den Saum.

 

„Veith, du Bastard“, dachte ich. Er hätte mir längst sagen können, dass er den großen Wurf gelandet hatte, auf einem Topf voll Gold säße und sich alsbald auf den Weg machen würde. Stattdessen schwieg er, lächelte wie immer leicht gequält, wenn seine Lederjacke spiegelte und trank seine Apfelsaftschorle.

Ich hatte eine solche Angst, dass er bald den Heimweg anträte und ich folglich erkennen würde, dass er für mich der Anker gewesen war, ich ihm aber nie so viel bedeutet hatte.

 

Mein Kopf spielte verrückt. Ich sah vor meinem inneren Auge den ollen Veith in seiner Lederjacke bei achtunddreißiggrad im Schatten auf einer Liege in der Karibik liegen. Dort tränke er nur aus rasierten Kokosnüssen und ließ sich geschälten Apfelschnitz reichen. Auf dem Sandstrand vor ihm kämpften Faultiere bis zum Sonnenuntergang und schliefen dann schmusend ein. Veith seufzte in meiner malerischen Fantasie schwer, als die Sonne das Meer träfe und ließe sich dann von einer Meerjungfrau eine Ansichtskarte an die Kollegen vom Wasserhäuschen Nummer 49 mit den Worten „Haut rein! Mir geht’s gut“ verfassen.

 

Während mein Kopf durch Zeit und Gedanken reiste, beglich mein lieber Veith seinen Deckel indem er wohl eine Rolle Scheine auf den Tresen gelegt hatte. Keiner hatte es bemerkt. Nicht einmal ich. Ich war zu beschäftigt die Zukunft mit allen Konsequenzen zu durchdenken.

 

Ich ging nach weiteren dreißig sauren Zungen, gezahlt mit dem Notgroschen aus meinem Joppensaum, die fünf Schritte zu meiner Tür. Dort zündete ich mir meine letzte Reval (ohne Filter) auf der Schwelle an. Es brannte höllisch in meiner Lunge. Ich pustete den schweren Rauch gen Himmel und blickte in die Nacht. Die Fixsterne versteckten sich im Licht der Stadt oder des Qualms.

 

Ich rauchte eine zweite letzte Zigarette und anschließend eine Dritte. Das Brennen in der Lunge bekam Gewohnheit.

 

Es wurde spät und ich stieg die dreiundzwanzig Stufen zu meinem Bett empor. Wusch mich mäßig, legte mich rücklings lustlos in die Kissen, nahm die Hände hinter den Kopf und schloss die Augen. Erneut murmelte ich „Veith, du Arsch“. Dann schlief ich ein. Träumte nichts.

 

Am nächsten Morgen stieg ich müde in meinen Wagen, dennoch angespannt. Die unausweichliche Situation, dass ich am Abend in meine Straße biegen würde und nicht wisse ob ich richtig sei, lag schwer zwischen all den Synapsen. Im Büro vergas ich anschließend den Kerl mit der spiegelten Lederjacke und erledigte meine Aufgaben zu meiner Zufriedenheit und darüber hinaus. Erst als ich den Blinker zu meiner Straße setzte musste ich grübeln und suchte weniger nach einem Stellplatz als mehr nach einem Zeichen, dass ich richtig war.

Dreimal fuhr ich um den Block und manövrierte ungeschickt in eine freie Parkbucht. Das Auto stand schief, aber es stand.

 

Als ich zu Fuß endlich meine Straße erreichte, sah ich Veith auf meiner Schwelle sitzen. Sein Kopf stützte sich auf seinen Knien, seine Arme umklammerten die Beine, eine Hand hielt eine Apfelsaftschorle. Je näher ich kam, desto lauter hörte ich ihn schwer atmen. Er blickte nicht auf, als ich mich neben ihm niederlies. Kurz stockte sein Atem, dann der meine. Mit rund einem halben Meter Abstand saßen wir ein paar Stunden auf der kleinen Stufe vor meiner Wohnungstür, schauten abwechselnd in den erleuchteten Himmel, rauchten unsere letzten Zigaretten. Es wurde spät.

 

Ich stand in den Morgenstunden auf, schüttelte meine eingeschlafenen Beine, kramte meinen Schlüssel aus meiner Tasche und drehte mich in Richtung der Tür. Ich wollte den Schlüssel drehen, als Veith den ersten Satz in meiner Gegenwart sprach.

Ich hörte zu. Er blickte kurz auf, ich nickte ihm zu. Dann schloss ich auf und hörte die Tür zufallen. Ich legte mich auf mein Bett, schloss die Augen. Ich schlief schnell. Ich träumte nicht.

 

„Danke. Ich brauchte dich als meinen Fixpunkt im Leben. Jetzt ist es allerdings an der Zeit, dass du weiterziehst. Du bist dein eigener Stern, dein eigener Leuchtturm, das weiß ich. Geh jetzt heim! Du brauchst nicht mich, du brauchst dich!“, sagte einer von uns.

 

Er stellte sich mir als Veith Lörrach vor. Seine Freunde nannten ihn Socke, die Familie nur Paule. Welchen Namen die Hebamme zu seiner Geburt vor siebenundfünfzig Jahren in die Urkunde eingetragen hatte ist ungewiss. Selbst in Stunden der völligen Zerstreuung wedelte er nie mit seinem Reisepass oder Personalausweis um sich. Vermutlich trug er die Dokumente nicht am Mann.

 

Seine Jacke trug er mit Stolz.

Aus der Gründerzeit der deutschen Bundesrepublik stammte dieser lässige Überzieher aus Lammleder und wurde offensichtlich die letzten Jahre gut behandelt. Ölig, speckig schimmerte die Jacke im Abendlicht. Gelegentlich, wenn die Sonne richtig stand, blendete Veith mit der spiegelnden Lederhaut die Autofahrer auf der vor dem Wasserhäuschen verlaufenden breiten Verkehrsader. Er sah den Lenkern anschließend müde lächelnd zu wie diese ihre hochpreisigen Vehikel völlig blind auf den vier Spuren manövrieren mussten. Die offensichtlich verwerfliche Absicht einen Fahrer in einen Blechschaden verwickeln zu wollen gab er nie zu.

Veith stand werktags verlässlich am Wasserhäuschen Nummer neunundvierzig und grüßte stumm doch selbstverständlich wenn ich abendlich parkplatzsuchend ums Viereck fuhr. Nach anfänglicher Reserviertheit wurde er für mich zu einer Institution.

Durch Veith wusste ich, dass ich im richtigen Viertel einen Stellplatz suchte. Er nickte mir zu, also war ich richtig. Fast als wolle er mir sagen, dass ich angekommen war und nur noch eben eine ruhige Ecke finden musste. Veith war somit mein Fixpunkt im Herzen der Stadt, gab mir das Gefühl anzukommen und das, obwohl ich niemals die Leinen an der Landungsbrücke Wasserhäuschen Nummer siebenundvierzig auswarf.

 

Über die Wochen festigte sich unsere tiefe Verbindung weiter. Ich empfand ein schmerzendes Herzrasen in meiner Brust wenn Veith nicht zu mir sah, wenn er abgeschlagen in der Ecke saß oder einfach nicht an seiner Stammecke des kleinen Tresens lehnte. Jede kleine Veränderung bereitete mir große Sorgen.

Ich grübelte, ob eines der konsumierten Getränke beim Besuch des Wasserhäuschens ihm nicht bekommen hatte. Oder ob seine Werbeagentur einen großen auftrag nicht bekommen hatte. War eines sein „Start-Ups“von einer unabhängigen Ratingagentur nicht ordnungsgemäß mit AAA (sprich: trippel Äi) bewertet worden? Keine Chance bei Anerkennung des Aufbaustudiengangs Soziologie nach dem Taxivordiplom?

 

Doch irgendwie wusste ich nach einigen Tagen ganz sicher, dass die Lottofee beim ihm angerufen hatte und ihm den Hauptgewinn verschaffte hatte den er sich schon so lang wünschte. Immerhin spielte er immer sechs aus neunundvierzig. Mittwoch und Samstag.

 

An einem Dienstag ging ich seitlich an das Wasserhäuschen. Verhielt mich unauffällig. Bestellte eine Schachtel „Reval ohne Filter“, zwanzig „saure Zungen“ und zwei Flaschen Kirschcola. Ich hatte noch zwei Euro in der Innentasche und rubbelte gegen Bezahlung noch zwei Lose auf. Die „heiße Sieben“ war eine Niete. Der „Glückgriff“ ebenfalls.

 

Während meiner Interaktionen mit dem Wasserbudenbesitzer und den Losen, beobachtete ich Veith. Seinen Habitus, das nervöse Zucken, die glitzernde Jacke, welche noch spiegelnder schien als sonst und studierte seine Worte, seine Gesichtszüge.

Um mir nichts anmerken zu lassen, verabschiedete ich mich nach den Rubbellosen und der Schachtel Reval höflich und ging ums Eck meine Wohnung.

Zwanzig saure Zungen und eine Flasche Kirschcola später ging ich erneut das eine Stockwerk meines Miethauses hinunter.

 

Ich hatte Angst vor der Tatsache, dass meinem Veith die Last einer Entscheidung auferlegt wurde, welche er nicht hätte tragen können. War ich jedoch ehrlich zu mir, fürchtete ich mich mehr vor Veränderungen. Was nur, wenn Veith mehrere Millionen Euro auf dem Konto hatte und nächste Woche eine Fluglinie kaufen würde, sich absetzte. Der Flieger gewönne an Höhe, Veith an Abenteuer und Freiheit, ich verlöre den Boden unter den Füßen. Ein Fixstern dürfe nie ziehen, ein Leuchtturm nie untergehen und ein Wasserhäuschen sich nie ändern.

 

Mit schwerem Schritt, jedoch bestimmt, ging ich Veith entgegen. Er lehnte entspannt, jedoch gewohnt zitternd am kleinen Fensterbrett. Aus dem Augenwinkel sah er mich deutlich, schaute jedoch auf den Boden vor seinen Füßen. Er zählte die Fugen zwischen den Pflastersteinen auf dem Bürgersteig.

Angekommen am gegenüberliegenden Ende des Tresens / der Fensterbank, räusperte ich mich so ungeschickt, als dass jeder Besucher des Wasserhäuschens zu mir aufsah. Nur Veith zählte fleißig weiter Fugen, gab vor die Weltformel im Pflaster zu erkennen.

 

Ich lies Ruhe einkehren und versuchte entspannt zu atmen. Verdammt, war mir dies unangenehm. Ich bestellte dreißig saure Zungen und eine Schachtel Reval ohne Filter. Ich bezahlte mit einem großen Geldschein die Ware und kaufte mir vom gesamten Restgeld Lose. Achtundzwanzig Nieten. Zwei kleine und ein großer Gewinn entschädigten mich allerdings. Ich gewann drei Euro und packte mir diese für schlechte Zeiten in die Innentasche meiner Joppe, unter den Saum.

 

„Veith, du Bastard“, dachte ich. Er hätte mir längst sagen können, dass er den großen Wurf gelandet hatte, auf einem Topf voll Gold säße und sich alsbald auf den Weg machen würde. Stattdessen schwieg er, lächelte wie immer leicht gequält, wenn seine Lederjacke spiegelte und trank seine Apfelsaftschorle.

Ich hatte eine solche Angst, dass er bald den Heimweg anträte und ich folglich erkennen würde, dass er für mich der Anker gewesen war, ich ihm aber nie so viel bedeutet hatte.

 

Mein Kopf spielte verrückt. Ich sah vor meinem inneren Auge den ollen Veith in seiner Lederjacke bei achtunddreißiggrad im Schatten auf einer Liege in der Karibik liegen. Dort tränke er nur aus rasierten Kokosnüssen und ließ sich geschälten Apfelschnitz reichen. Auf dem Sandstrand vor ihm kämpften Faultiere bis zum Sonnenuntergang und schliefen dann schmusend ein. Veith seufzte in meiner malerischen Fantasie schwer, als die Sonne das Meer träfe und ließe sich dann von einer Meerjungfrau eine Ansichtskarte an die Kollegen vom Wasserhäuschen Nummer 49 mit den Worten „Haut rein! Mir geht’s gut“ verfassen.

 

Während mein Kopf durch Zeit und Gedanken reiste, beglich mein lieber Veith seinen Deckel indem er wohl eine Rolle Scheine auf den Tresen gelegt hatte. Keiner hatte es bemerkt. Nicht einmal ich. Ich war zu beschäftigt die Zukunft mit allen Konsequenzen zu durchdenken.

 

Ich ging nach weiteren dreißig sauren Zungen, gezahlt mit dem Notgroschen aus meinem Joppensaum, die fünf Schritte zu meiner Tür. Dort zündete ich mir meine letzte Reval (ohne Filter) auf der Schwelle an. Es brannte höllisch in meiner Lunge. Ich pustete den schweren Rauch gen Himmel und blickte in die Nacht. Die Fixsterne versteckten sich im Licht der Stadt oder des Qualms.

 

Ich rauchte eine zweite letzte Zigarette und anschließend eine Dritte. Das Brennen in der Lunge bekam Gewohnheit.

 

Es wurde spät und ich stieg die dreiundzwanzig Stufen zu meinem Bett empor. Wusch mich mäßig, legte mich rücklings lustlos in die Kissen, nahm die Hände hinter den Kopf und schloss die Augen. Erneut murmelte ich „Veith, du Arsch“. Dann schlief ich ein. Träumte nichts.

 

Am nächsten Morgen stieg ich müde in meinen Wagen, dennoch angespannt. Die unausweichliche Situation, dass ich am Abend in meine Straße biegen würde und nicht wisse ob ich richtig sei, lag schwer zwischen all den Synapsen. Im Büro vergas ich anschließend den Kerl mit der spiegelten Lederjacke und erledigte meine Aufgaben zu meiner Zufriedenheit und darüber hinaus. Erst als ich den Blinker zu meiner Straße setzte musste ich grübeln und suchte weniger nach einem Stellplatz als mehr nach einem Zeichen, dass ich richtig war.

Dreimal fuhr ich um den Block und manövrierte ungeschickt in eine freie Parkbucht. Das Auto stand schief, aber es stand.

 

Als ich zu Fuß endlich meine Straße erreichte, sah ich Veith auf meiner Schwelle sitzen. Sein Kopf stützte sich auf seinen Knien, seine Arme umklammerten die Beine, eine Hand hielt eine Apfelsaftschorle. Je näher ich kam, desto lauter hörte ich ihn schwer atmen. Er blickte nicht auf, als ich mich neben ihm niederlies. Kurz stockte sein Atem, dann der meine. Mit rund einem halben Meter Abstand saßen wir ein paar Stunden auf der kleinen Stufe vor meiner Wohnungstür, schauten abwechselnd in den erleuchteten Himmel, rauchten unsere letzten Zigaretten. Es wurde spät.

 

Ich stand in den Morgenstunden auf, schüttelte meine eingeschlafenen Beine, kramte meinen Schlüssel aus meiner Tasche und drehte mich in Richtung der Tür. Ich wollte den Schlüssel drehen, als Veith den ersten Satz in meiner Gegenwart sprach.

Ich hörte zu. Er blickte kurz auf, ich nickte ihm zu. Dann schloss ich auf und hörte die Tür zufallen. Ich legte mich auf mein Bett, schloss die Augen. Ich schlief schnell. Ich träumte nicht.

 

„Danke. Ich brauchte dich als meinen Fixpunkt im Leben. Jetzt ist es allerdings an der Zeit, dass du weiterziehst. Du bist dein eigener Stern, dein eigener Leuchtturm, das weiß ich. Geh jetzt heim! Du brauchst nicht mich, du brauchst dich!“, sagte einer von uns.

 

 

Jürgen klingelt in den Straßen dieser Stadt

Jürgen kam stolz mit seinem vollbepacktem Rad um die Ecke, als ihm auffiel, wie ich eine Kamera in meinen Händen hielt. Der Mossad oder die Bundesregierung sollen ihn so nicht sehen, nicht hier, nicht irgendwo. Jürgen duckte sich spielerisch unter der Kamera hindurch. Er sei gerne „unter dem Radar“ unterwegs, möchte nämlich nicht auf die Titelseite der Bildzeitung, einige Verbrecherkartei stelle diese Zeitung dar. Aber ich solle ihn dann doch gerne ablichten.

Jürgen überfuhr mich nahezu mit Offenheit und gesunder, aggressiver Eloquenz.

Er müsse eben sein Rad parken, das Gepäck sichern und eben noch die Aktien überprüfen. Ich wusste nicht was er mit den Aktien meinte. Er präsentierte mir sein Fahrrad, mit den großen Satteltaschen, randvoll, jedoch sauber verschlossen. Geschenke sammle er, überall sei etwas zu finden. Was hier ein jemand nicht mehr bräuchte, sei möglich das Wertvollste für einen anderen Geist.

Juergen

Bis jetzt hatte noch kein Wort meine Lippen verlassen. Er war der Jürgen und mein Name war nur eine vorgegebene Bezeichnung jener Seele, die er an diesem frühen Abend getroffen hatte.

Jürgen zeigte mir seinen neuen gelben Regenschirm. An einer Hauswand hätte dieser einsam gelehnt, kein Besitzer weit und breit. Dabei sei dieser noch einwandfrei, gut in Schuss. Der Regen komme ja doch immer wieder und dann wird er ihn selbstverständlich gebrauchen können, vielleicht auch nur um dieses Prachtexemplar einem hübschen Mädchen, dem Regen schutzlos ausgeliefert, eine Freude zu machen. In seinen Worten erwischte ich den Hauch von Romantik. Ihm selbst mache der Regen nichts aus. Wasser sei natürlich, biologisch. So auch das Bier in seiner Hand.

Jürgen bückte sich nach einem Fetzen Papier, offensichtlich der dem Überrest eines aus Frust zerrissenen Strafzettels. Er brauche jetzt nur noch einen Stift, murmelte er suchend und kramte in seinen Taschen. Er fand einen Kugelschreiber der Frankfurter Polizei. Auf diesem Stand mit weißer Schrift auf blauem Kunststoff: „Die Polizei Frankfurt am Main ist schneller als die Feuerwehr!“ Jürgen fand dies komisch und versteckte seinen kindlichen Humor hinter einem Räuspern.

Ob ich denn nicht endlich mal ein Bild von ihm machen wolle, murrte er durch seinen grauen Bart. Er sei doch eine Schönheit, mit Schirm, Charme und ohne Melone.

Ich rückte die Blende meiner Kamera zurecht, überprüfte Belichtungszeit und Schärfe, wollte keine Zeit verlieren und drückte ab. Ein bis zwei schöne Bilder kamen dabei raus. Dies bestätigte Jürgen mit einem Auge, nickend, seine Adresse auf den Zettel schreibend.

Er als Musiker spiele alle Instrumente, auch Schlagzeug. Erneuter Themenwechsel.
Als Schlagzeuger sei man kein Musiker, da ist man eben Schlagzeuger. Der altbekannte Witz wurde durch den Bart des Herrn zu meiner Verwunderung wirklich besser.
Er beschrieb den Zettel hastig, jedoch ordentlich. Seine Adresse, seine Telefonnummer und die Website der Tochter. Diese sei gerade mit ihrem Freund von Neuseeland mit dem Motorrad unterwegs und werde in ungefähr fünf Monaten in Frankfurt aufschlagen. Niemand geringeres als der Boss von UNICEF bezahle diese Tour. Verdammt sei dies doch, fluchte er, nix zu fressen hätten die jungen Dinger im Bahnhofsviertel. Aber Geld für den Sprit einer Weltumrundung hätten diese Weltverbesserer. Diese Prioritäten seien schlecht.

Jürgen malte mir meinen Namen auf den Zettel und händigte mir das Autogramm bedächtig aus. Ich solle aufpassen, auf mich, diese Stadt, auf die Welt und meine Meinung.

Er habe das Leben das er brauche. Ein Rad mit zwei gesunden Reifen, einen neuen gelben Schirm, eine „fancy“ Sonnenbrille und ab Freitag auch eine kleine Katze. Nur das Katzenzubehör mache ihm zu schaffen. Er deutete auf einen Berg aus Holz und Nägeln, Kisten und Folie. Ich studierte den Haufen genauer und erkannte einen alten Kratzbaum, schon ganz blank gewetzt und einen kleinen Futternapf.

Wie solle er diese Dinge nur in seine siebzig Quadratmeter bekommen, fluchte er, lachte aber zugleich und lenkte das Thema auf seine Exfrau.

Diese alte Ziege hatte ihn vor einigen Jahren aus dem Haus gejagt und schmiss ihm seine Schlappen hinterher. Einer traf ihn am Kopf, der Zweite verfehlte nur knapp wichtige Organe. Zehn Tage hatte anschließend geweint, wusste nicht warum er hat gehen müssen. Seit zehn Jahren freue er sich aber über seine geschenkte Freiheit. Und wann immer er heute an der alten Wohnung vorbeiradle klingle er laut. Durch das Klingeln habe er sich nun konditioniert. Lärm vertreibe die schlechten Gedanken, Ängste und Hoffnungslosigkeit. Ob ich jemals bei übertriebener Geräuschkulisse geweint hätte? Oder ob mich Stille traurig stimmte? Ich wollte antworten, kam aber nicht dazu.

Er schaute auf den Boden, auf den Boden seines Bieres und kniff dabei ein Auge zu.

Die Konditionierung sei der Schlüssel seiner Glückseligkeit. Wenn auch immer er die Freiheit nicht mehr schätzte, die Stille schmerze, klingle er sich durch die Straßen dieser Stadt und fühle Freiheit. Mit jedem Ton der alten Klingel fielen ihm tausend große Steine vom Herzen.

Ohne Last radle es sich leichter, schlussfolgerte Jürgen.

 

Ob ich ein Auto hätte? Eines mit großem Kofferraum? Jürgen wechselte schnell die Themen. Jemand müsse die Möbel seiner neuen Katze dreihundert Meter die Straße hinauf verschieben. Am besten wäre ein Transporter.

Ich besitze weder Transporter noch Ladevolumen, bot aber meine Hände an.

Die Hände seien ihm zu fein. Er könne nicht verantworten diese Finger zu belasten.

Er drehte sich ruckartig um und zog einen Beutel mit Kleingeld aus einem noch größeren Beutel. Ein „RöPi“ sollte für den Weg genügend, zwinkerte lächelnd in meine Richtung und gab sich großzügig als er sein Pfandgeld der Besitzerin der Trinkhalle schenkte.

Er müsse los, ich wohl auch. Wir hätte beide noch was vor, nur nicht das Gleiche. Aber er begleite mich noch ein Stück auf dem Rad.

Ich packte die Kamera in den Rucksack, verstaute den Zettel mit Jürgens Adresse sicher in meiner Hemdtasche und sattelte auf. Ich knipste mein Licht am Rad an. Es war schummrig geworden. Suchend nach meiner Reisebegleitung umherblickend stellte ich fest, dass dieser alte Musiker mit dem Regenschirm und der coolen Sonnenbrille bereits hundert Meter vor mir war und laut johlend zu Verstehen gab, dass ich der langsamste Junge wäre, den er in den letzten Stunden getroffen hätte. Er sang ein Lied. Ich kannte die Worte, nicht aber die Melodie.

So schaltete ich in den schnellen Gang und holte ihn nach ein paar Sekunden ein. Jürgen, in einer „Rennposition“ verharrend (Kopf über dem Lenker, Rücken gerade, Beine fast gestreckt), rollte mit einem kalten, überzeugenden Blick in Richtung Osten.

Ich blickte zu ihm und verabschiedete mich mit einem Handschlag. Er griff zu, ließ mich kaum los, blickte jedoch nur nach Vorne.

Ich solle es gut machen, besser als die anderen Menschen, aber nicht so gut wie er. Das ginge nämlich nicht. Aber jetzt müsse er sich beeilen, denn er wolle vor Dezember seine Tochter und ihren Freund bei Kiew überraschen. Er raunzte juchzend einen Satz in seinen Bart und trat in die Pedale.

„Tschau Jürgen, gute Reise“ verabschiedete ich mich. Er hob kurz die Hand, wurde schneller und bog in eine dunkle Seitenstraße ab.

 

So schnell er gekommen war, so schnell verschwand Jürgen in den Straßen. Nur sein Klingeln hörte ich noch eine Weile.

Irgendwann verschluckte mich die Stadt.

 

 

Geschichten über Zeiten, die alles verändern können.

 

Als ich das Leben volley nahm

 

Geschichten über Zeiten, die alles verändern können.

(„Philip Poisel – Eiserner Steg“)

Kapitel 1

Ich setzte mich oft vor die Tastatur und tippte die ersten Zeilen. Wollte ein Buch schreiben. Ein ganzes Buch, mit Einleitung, Wörtern, Sätzen voll mit Weisheiten und einem Schluss der Tränen in die Augen treibt, jedoch Hoffnung schreibt.

Ein duales Buch. Eine Musikempfehlung über jeder Kapitelüberschrift, so dass möglichst alle Sinne beansprucht werden und der Leser versteht. Das wollte ich machen. Als Empfehlung, so dass der Kontext mit zum Inhalt wird.

Denn Musik ist die Leerzeile zwischen den Worten. Ein Lied sei der Gedankenstrich, der Punkt, das Komma. Eine Melodie kann führen, bis weit hinter die großen Lettern. „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ behauptete, ein doch in großen Teilen, sehr schwieriger Philosoph. Ein Irrtum wäre das Leben ohne Musik zu keinem Fall, es wäre schlichtweg sinnlos. Musik macht den Ton, das Gefühl. Ob Hymne oder Trauermarsch, ob leise oder laute Töne.

Das Leben eines Menschen ist eine Melodie im Takt des Herzens. Dann einmal Dur, dann Moll. Ein Wechselspiel unterschiedlichster Nuancen entscheiden über die beste Symphonie. Es sind die Momente die uns schaudern lassen, wenn der tiefe Bass einsetzt und uns bzw. mich, das Publikum erzittern lässt. Wenn wir weinen hoffen wir auf die Geigen, gespielt in Dur, so dass unser Herz bald wieder springen kann.

Ich begann immer wieder, wie bereits angeführt, mit Zeilen, die zusammengefasst einen Teil der großen Symphonie, meiner Geschichte, sein könnten. Ansätze hatte ich genug. Und jeder Ansatz, jede Einleitung wäre es Wert ein ganzes Buch daraus zu machen, doch ist die Symphonie immer besser als der einzelne Akt.

So hoffe ich, dass ich es dieses eine Mal fertig bringe einen Roman zu formulieren. Ich werde springen, zwischen den Zeiten, zwischen Gefühlen, zwischen Personen, Herzen, der großen Liebe und der schmerzhaftesten Enttäuschung. Doch so sind die großen Geschichten, die erfolgreichsten Symphonien immer die besten Opern. Sie dauern nicht nur sehr lang, sie sind facettenreich und bilden einen Lebenszyklus ab, der im besten Falle nie enden wird.

„Der Eiserne Steg“ – dieses Kapitel ist weder Anfang, noch Ende.

Mal schrieb ich über eine verlorene Liebe in Paris, über einzelne Momente und dann über die großen Hoffnung, welche nie das Licht der Welt erblicken sollte. Nichts war fertig. In meinem Buch soll aber all dies einfließen, denn nur so kann man diese Symphonie verstehen, den Song hören. Und der letzte Refrain wird nur dann die volle Kraft entfalten, wenn zuvor Bilanz gezogen wird. Nur dann wird das Ende grandios.

Wünscht mir Glück, dass die Symphonie nie endet, dass sie Facetten beherbergt, welche eure Namen schreien und, und dass sie gut ausgeht.

Gut soll sie sein. Schön soll sie sein. Das ist das Ziel. Und Glück, ja Glück soll sich einstellen. Auch wenn es erst im letzten Satz, in der letzten Zeile entsteht.

(Dies ist ein Auszug aus einer noch unvollendeten Geschichte – PmH 2015)

Frankfurt am Rhein – Sequenz Nummer eins.

Ich beschloss ein Buch über Paris zu schrieben. Mit allen Höhen und Tiefen. Und ja, ich bin noch dabei, allen Zweiflern zum Trotz. Es geht leider über die Landesgrenzen und Deadlines hinaus, obwohl der deutsche Boden mich schon längst wieder hat. Da neben Sebastian keiner meine Worte forderte, denke ich, dass die Nachfrage sich in Grenzen hält (Tut mir leid Sebbo) Zu Paris demnächst mehr. (Vielleicht)

 

Aber greift doch alles Hand in Hand, nichts wäre ohne Vorgeschichte passiert.

 

Ich wohne im Herzen von Frankfurt am Main- seit sechs Wochen und bin etwas überwältigt. Nach Paris und Mainz, war Frankfurt doch der logische Schritt. Es hätten München, Berlin, Mannheim oder Hamburg sein können, aber es wurde Frankfurt.

 

Ich bezog die zwei Zimmer im Norden-Ost als Nachmieter einer echten Rauputzschlampe. Acht Jahre strich diese Uschi keinen Millimeter und stopfte Bohrlöcher mit Silikon. Ja richtig, Silikon! Kein Molto irgendwas, Zahnpaste, oder einem laschen Tempo. Nein, es musste Silikon sein. Das kann man anschließend besonders mies überstreichen.

 

Nun, ich kam klar, bohrte, dübelte und kühlte Bier im Kühlschrank. Ich erwischte mich dabei, wie ich in mich in meiner neu gewonnen Freiheit und dem Besitz einer Spülmaschine die Pfandflaschen durchwusch. Weil ich es konnte.

 

Aber dies sei dahingestellt. Letzten Samstag folgte ich dem Aufruf der Facebook Gemeinschaft „Neu in Frankfurt (meet)“ sich auf eine Kneipentour zu treffen. Da alle Löcher von Silikon befreit, jede Pfandflasche gespült war, dachte ich „warum nicht“ und folgte dem Aufruf.

 

Gut gütiger Gott.

Da trifft man zufällig Menschen, welche man noch nicht einmal zufällig kennen lernen möchte. Frei nach dem Motto, „Hallo ich bin der Hans, ich bin der große „Ficker“ aber ich trinke am liebsten Hefeweizen an der Bar. Die Frauen finden dies schon sexy genug.“

Oder: …weißt du was bei mir richtig gut kommt? Wenn die Weiber auf mich zukommen und ich mich nicht zum Affen machen muss!“

 

Ja genau.

So, genau so läuft der Hase!

 

Hier ins Frankfurt am Main ist es wie in Frankfurt an der Oder. Oder in jeder anderen Stadt. Großwildjagd mit Kleinkaliber trifft auf Damenwahl im Herrenpuff.

Die wirklich reichlich mit Schönheit gesegneten Menschen bleiben lieber unter sich und vermählen sich untereinander. Auswahlkriterien sind massig Pomade in den Haaren der Herren und kleine Blüschen, von Haushälterin Ming-Lee persönlich gestärkt, welche an den zarten Körpern der Damen aber auch sehr entzückend wirken.

 

Eine Schicht drunter gesellt sich eine fast undefinierbare graue Gruppe von Berufseinsteigern, Studenten, Angestellten und Künstlern. Diese sind gern unter sich, aber nur weil sie es müssen.

 

Der sichtbare Satz der Gesellschaftspyramide (es gibt auch den Unsichtbaren, der ist aber nicht sichtbar, nur spürbar und somit nicht beschreibbar) trollt sich zwischen allen Gruppen hin und her. Das Einkommen spielt eine kleine Rolle. Es ist die Größe des Verstandes, die Möglichkeit von der Haupt-bis zur Konstablerwache zu wandern ohne einmal „äischweisnisch“ oder „dasmöschtschnisch“ zu sagen. Der Aufmerksame Leser erkannte anhand dieser Beispiele sofort: der Buchstabenreigen „s c h“ ist hier der Schlüssel zur Identifikation. Allerdings sind weitere gesellschaftliche Studien notwendig, um das ganz große Bild zu zeigen.

 

Ach so, meine Vormieterin gehörte irgendwo in die graue Masse, lies sich gern mal auf einen Drink oder zwei an der Bar ihres Vertrauens einladen, flirtete sicherlich hölzern mit einem jungen Herren aus der Provinz, zeigte Bein, um anschließend den Heimweg alleine anzutreten.

„Sorry, war echt nett, aber mein Freund wohnt in Hamburg und vögelt dort seine Ex. Ich hingegen bin treu.“ – „Auf einen Kaffee treffen? Hm, lieber nicht, was soll mein Partner von mir denken?“

 

So stelle ich mir das vor. So war sie. Aber das hätte mir schon früher klar sein müssen. Wer zur Hölle spachtelt Silikon in Bohrlöcher? Keine Menschen!

 

 

 

Als ich das Leben volley nahm….

Blitz und Donner, volley und der goldene Schuss.

Ich saß am Schreibtisch als dieser Blitz einschlug. Ich konnte ihn sehen, durch die Schlitze meiner Jalousie. Ich könnte ihn spüren, bis ins Mark. Ich konnte ihn hören, wie er da so auf den Boden traf. Blitz und Donner waren vereint, in diesem Moment, endlich. Jahrelang waren sie in meinen Gedanken getrennt, Blitz und Donner eben, waren zwei Dinge in meinem Kopf. Dabei gehören sie einfach zusammen und entfalten ihre Wirkung nur dann, wenn sie sich nah sind. Eigentlich sind sie eins.

Als ich das Leben volley nahm blitze und donnerte es manchmal Tage lang, Nächte lang. Es war schaurig schön. Ein Naturschauspiel. Und eine Katastrophe.

 

Es liegt in der Natur der Katastrophe, dass sie nicht vorhersehbar ist und dass sie somit nicht verhindert werden kann. Und sie kommt plötzlich. Vielleicht sogar in diesem Moment. Sie ist kürzer als der Gedanke und ist länger als eine Geschichte und intensiver, nachhaltiger als es Worte nur beschreiben können.

Als ich das Leben volley nahm, war es schon zu spät. Das Leben hatte Fahrt aufgenommen und ich hatte nur noch erwidern müssen. Es war so viel passiert, wie es einem Menschen nur passieren hat können. Alle Taten hatten zu Konsequenzen geführt, alle Sätze zu Geschichten. Bis jetzt hatte ich gesammelt, getragen auf meinen Schultern, gespeichert in meinem Kopf und im Herzen, ja im Herzen hatte ich gefühlt.

Und als ich das Leben volley nahm, bildeten diese Einzelheiten diese eine perfekte Vorlage, eine Möglichkeit die ein jeder genutzt hätte. Alle Begebenheiten stimmten, der Wind stand richtig, der Rücken war gerade und die Augen wach. Und doch hatte ich damals niemals wissen können, dass ich gnadenlos verziehen werde.

Ich nahm volley und der Schuss ging vorbei.

Mein Herz pochte mir unter die Schädeldecke bevor es ganz still wurde. Anschließend schlug es nur zaghaft weiter in der Brust.

 

Katastrophe. Ausmaß ungewiss. So hätte ich diese Ansammlung von Gedanken und Geschichten auch nennen können. Aber dann hätte ich gewertet und ginge davon aus, dass ich es niemals wieder tun würde. Volley, aus der Luft, direkt nehmen, das würde ich immer wieder tun.

 

Denn einmal ist er dabei. Der goldene Schuss. Wenn ich das Leben Volley nehme